LUIGI PIRANDELLO


Ach, Sie glauben, Konstruktion hätte nur mit Gebäuden zu tun? Ich konstruiere mich andauernd, und ich konstruiere Sie, und Sie tun dasselbe. Und die Konstruktion hält so lange, bis das Material unserer Gefühle zerbröckelt und der Zement unseres Willens zerfällt. [...] Es genügt, daß der Wille ein wenig schwankt und sich die Gefühle in einem Punkt wandeln, ja auch nur geringfügig verändern, und dahin ist unsere Wirklichkeit!
( Einer, keiner, hunderttausend, 1925)


DER HEILAND VOM SCHIFF 
ein Text von Luigi Pirandello
 

Der Heiland vom Schiff, der gehört uns, uns Seeleuten, und wir sind keine Schweine!

„La Sagra“, sagte Pirandello einmal, „braucht ein Publikum mit einem starken Magen. Es ist eine lebendige, oder besser gesagt sowohl bunte wie brutale Darstellung von Sünde und Buße. Die Brutalität des Menschen hat auch etwas tragisches an sich, hiervon sind die Tiere glücklicherweise frei.“ La Sagra del Signore della Nave ist eine Rechtfertigung der Würde des Menschen (dem edlen Tier) und des Schweins (dem gemeinsten Tier). Diese Gegenüberstellung bildet den Hintergrund eines Schlachtfestes, das jedes Jahr auf dem Land kurz außerhalb von Agrigento gefeiert wird. Hier, vor der kleinen, normannischen Kirche von St. Nikolaus beten sie den Heiland des Schiffes an – ein großes Kruzifix mit furchteinflößenden Zügen, aber mit wundertätiger Wirkung. Bei dem Schlachtfest entsteht ein Streit zwischen dem Pädagogen und dem fetten Herrn Lavaccara. Dieser behauptet, daß eines seiner Schweine – das er so sehr liebt, als ob es sein Hund wäre – ein intelligentes Tier ist. Deshalb haben er und sein Sohn es auch getauft, als es trächtig wurde. Es ist sogar so intelligent, daß es ihn zu verstehen scheint und antwortet, wenn er mit ihm spricht. Der Pädagoge glaubt nicht an Intelligenz und führt ein kunstvolles Paradoxon an: Wie kann man ein Tier intelligent nennen, das andere frißt, um selber fett zu werden? Der Mensch ist intelligent, und er kann sich den Luxus leisten, zu essen wie ein Schwein, und er weiß, dass er nicht geschlachtet wird, auch wenn er fett wird. Dies erklärt die Überlegenheit des Menschen über das Tier. Die Zweifel an seiner Überlegenheit rühren eher von dem Bild, dass er bei dem chaotischen Fest abgibt. Die Atmosphäre wird immer erregter, und das heidnische Treiben und der Höllenlärm scheinen die Ansichten des Herrn Lavaccara zu bestätigen, daß die Menschheit im Gegensatz zu den Schweinen den Respekt nicht verdient. Aber als die Glocken zu läuten beginnen, reihen sich die Betrunkenen zu einer Prozession hinter dem schrecklich gegeißelten Christus und schlagen sich auf die Brust. Dies ist der Unterschied: „Oh ihr Schweine, ihr lebt allzeit ein fettes und friedvolles Leben. Seht euch jetzt das Leben der Menschen an: Sie haben getrunken, und sie haben sich in Tiere verwandelt, die untröstlich hinter ihrem blutenden Erlöser und seinem schwarzen Kreuz her laufen und weinen. Hier stehen sie und weinen um die Schweine, die sie gegessen haben. Kann man sich etwas tragischeres vorstellen?“
 


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