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UMARLA
KLASA
Das Theaterstück Umarła klasa, Die tote Klasse, ist Schauspiel und
Happening mit autobiografischen Bezügen (Inszenierungen s. o.) und
kann noch heute als Skulptur betrachtet werden. Es wurde auch als
Theater des Todes bezeichnet. Ein Exemplar mit vier aufsteigenden
Bänken kann in der Sammlung der Pinakothek der Moderne in München
betrachtet werden. Die acht "Schüler"- Puppen in den Bankreihen
haben in der Anordnung eine starke Präsenz, die von vielen
Betrachtenden als bedrohlich interpretiert wird. Die lebensgroßen
Puppen wirken durch Bemalung und Haarersatz paradoxerweise wie
Greise. Die verwendeten Materialien erinnern an Armut, die hier als
Zeichen für Hoffnungslosigkeit gilt.
"Die
tote Klasse" gilt als das bedeutendste Werk von Tadeusz Kantor, der
zu den wichtigsten Vertretern des Absurden Theaters in Polen gehört.
Das Theaterstück zeigt auf beispiellose Weise bis heute die
universale Tradition verschiedener Kulturen und historischer
Strömungen. In "Die tote Klasse" kehren die ehemaligen
Klassenkameraden von Kantor in ihre alte Schule zurück. Kantor
selbst spielt den Lehrer, der seine toten Mitschüler mit Marionetten
konfrontiert, die sie selbst kurz vor dem Abitur symbolisieren. Die
Schauspieler spielen seine ehemaligen Mitschüler als Greise, die die
Marionetten (sich selbst) durch Fäden führen. Die Toten und Lebende
vermischen sich. In dem Stück präsentiert Kantor eigenartige
Totenrituale, indem er durch die Vergänglichkeit deformierte Bilder,
Worte und Klänge vermischt. Auf der Basis seiner Erinnerungen und
Erfahrungen präsentiert er die Tragödie des 20. Jahrhunderts, eine
gemeinsame Erinnerung an das Jahrhundert des Holocaust.
Kantor gehört zu den Künstlern des 20. Jahrhunderts, die die Künste
entgrenzten. Nach dem Studium an der Akademie der Schönen Künste
Krakau arbeitete er von Anfang an sowohl als Bildender Künstler wie
als Theaterkünstler. Ab Ende der dreißiger Jahre entstanden von ihm
sowohl Theaterarbeiten als Bühnenbildner wie als Regisseur. Mit
seinen Emballagen, Happenings und Performances gehörte er ab den
fünfziger Jahren zur Avantgarde der europäischen Kunst. Ein eigenes
experimentelles Reisetheater gründete er 1955. Es hieß zunächst
Cricot 2, mit dem er auch "Die tote Klasse" 1975 uraufführte. Im
Laufe der Jahre gab er seinem Ensemble verschiedene Beinamen, die
stets auch auf die Vernetzung mit den großen künstlerischen
Strömungen seiner Zeit verwiesen: Autonomes Theater, Informelles
Theater, Zero-Theater, Theater der Ereignisse, Unmögliches Theater
und ab 1975 Theater des Todes, mit dem er seine weltweiten Erfolge
feierte. Andrzej Wajda, der Oscarpreisträger, verfilmte 1977 das
Stück mit dem Ensemble des Circot 2 Theaters und dem Autor und
Regisseur Tadeusz Kantor.
Monica Giovinazzi über Kantor:
„Ich habe ein großes Interesse für Ihn als kompletter Künstler, der
über die Grenzen der einzelnen Rollen des Theaterwesens geht: Drama,
Script, Performance und Theater. Er beginnt als darstellender
Künstler und versucht die Kunst aus dem Rahmen zu zwingen um den
Raum zu erobern und es jedes Mal benutzen und verwandeln zu können.
Ich finde eben dieses enge Verhältnis mit dem Raum grundlegend, der
so zentral wird in der Gestaltung der Performance.
Auch die Imballagen sind faszinierend und haben die Fähigkeit neue
Perspektiven in den gegebenen Räumen zu finden. Auch die Rolle die
das Publikum spielt ist dabei sehr interessant: es kann die ganze
Entwicklung mitverfolgen und mit ihrem Verhalten und mit der
persönlichen Suche des eigenen Blickwinkels selbst Teil der
Performance werden.
Die tote Klasse (2007 in
Rom - RaabeTeatro)
Diese
Möglichkeit, Performances zu kreieren in denen das Publikum und die
nicht professionellen Schauspieler (Freunde, Künstler von anderen
Disziplinen) involviert sind und dazu fester Bestandteil des Ganzen
sind, schafft es, dem Event einen neuen Sinn zu verleihen, und
bringt das Theater zurück zur Ursprung.
Vieles verbindet mich mit Kantor und deswegen vertiefe ich seine
Arbeitsweise und tue alles mögliche damit er immer bekannter wird
und mehr studiert wird, und das auch damit eine Theaterform
gefördert wird, die nicht nur spektakulär ist.
Ich arbeite stets, genauso wie Kantor, mit nicht professionellen
Schauspieler und besonders mit den Partituren von Kantor ist es
jedesmal wichtig, ein harmonisches Zusammenspiel mit den einzelnen
Persönlichkeiten zu schaffen.
Die Botschaft von Kantor wird hauptsächlich von der Mise en Space
übertragen. Sehr wichtig sind auch die Gegenstände und deren
symbolische Bedeutung und Position im Raum. Die Worte sind mehr als
Klang als Bedeutung.
Deswegen glaube ich, daß bei einer Aufführung einer seiner Werke es
nicht wesentlich sei, das Bühnenbild oder die einzelnen Bewegungen
mit gorsser Treue nachzuahmen; für mich ist es hingegen wichtiger
seiner Arbeitsmethode treu zu bleiben, die, alleine zum richtigen
Resultat führt.“
(Monica Giovinazzi)
Biographie:
Tadeusz Kantor (1915-1990; Maler, Grafiker, Regisseur,
Drehbuchautor, Professor an der Akademie der Schönen Künste in
Krakau)
Tadeusz Kantor wurde in dem kleinen galizischen Städtchen Wielopole
Skrzynskie geboren, als Sohn eines Juden und einer Katholikin. Dort
entwickelte sich gerade die Persönlichkeit des Menschen, dessen
Lebensgeschichte wie im Spiegel ihre Widerspiegelung in seiner Kunst
fand.
Nach einem Studium an der Krakauer Akademie der Schönen Künste war
Kantor zunächst als Maler und Bühnenbildner tätig. Parallel zu der
Malkunsttätigkeit wurde in Kantor allmählich die Vision eines
eigenen Theaters, wenn nicht einer eigenen Welt, für die das Theater
die Bühne und der Inhalt gleichzeitig war, reif. Sein Interesse für
die Malerei hinterließ nachhaltige Spuren, nicht nur auf der
Leinwand, sondern auch auf der Bühne, denn Kantor blieb auch im
Theater ein in Bildern denkender Maler. Egal ob Schauspieler, Puppen
oder Requisiten - Kantor hantierte mit ihnen, als seien sie Farbe,
die er auf die Bühne spritzt. Kantors Kunst war auf eine
ungewöhnlich suggestive sichtbare Übertragung gestützt.
1943 gründete er im besetzten Krakau ein Untergrundtheater, aus dem
1955 sein experimentelles Theater „Cricot 2“ hervorgehen sollte. So
entstand ein einzigartiges Theater, in dem Töne, Gesten, Bilder und
Symbole verbunden waren. Ein Theater, das sich mit seinem Schöpfer
insoweit vereinigte, dass jegliche Versuche, Kantor von seinem Werk
zu trennen, im Voraus scheitern mussten. Der Meister, der auf der
Bühne auf seinem charakteristischen, hölzernen Klappstuhl saß und
der sich in die Aktivitäten der Schauspieler nervös oder auch
manchmal brutal einmischte, wurde zu einem untrennbaren Bestandteil
jedes Stückes, seinem Subjekt und Bühnenbildelement sogar. Es ist
auch im Grunde schwer zu sagen, ob die Schauspieler in seiner
Vorführungen in ihrem Wesen wirklich Schauspieler und nicht nur
Werkzeuge waren, die dem Genie bei der Verwirklichung seiner
Visionen behilflich waren. Kantor glaubte an den Künstler in jedem
Individuum. So hatten nur wenige seiner Schauspieler überhaupt eine
schauspielerische Ausbildung. Seiner Meinung nach konnte jeder seine
Aufgabe erfüllen: „Ich kenne keine Trennungen der Künste. Kunst ist
universell und nicht begrenzt.“ Seine Forderung nach radikaler
künstlerischer Erneuerung des Theaters findet sich auch in den
theoretischen Schriften, Manifesten und Notizen.
Kantors Theaterarbeiten, die ihn und seine diversen Ensembles
weltberühmt machen sollten, machten sich auf faszinierende Art und
Weise das Sujets des Todes und der Erinnerung zu eignen. Er erschuf
in seinen Stücken suggestive Räume voller Lebender und Toter. Seine
Stücke wie „Mtwa“ (Tintenfisch) aus dem Jahr 1955 oder „W maym
Dworku“ (Im kleinen Landhaus) erregten großes Aufsehen. Doch Kantor
gab sich mit den Erfolgen nicht zufrieden. Mehrmals wagte er einen
Neustart, wie z. B. mit seinem Projekt „Theatre Informel“ von 1960
bis 1962 oder dem späteren „Zero Theatre“. Mitte der 70er Jahre
schuf er das „Theater des Todes“, das mit dem Stück „Die tote
Klasse“ Premiere feierte. Hier wie in späteren Stücken (u. a.
„Wielopole, Wielopole“) befasste sich Kantor mit der Faszination des
Sterbens. Es sind Stücke, die nicht „erklärt“ sein wollen und die
nur über Assoziationen zu verstehen sind. Der Maler Kantor schuf
Bilder, die gleichzeitig faszinierend, lähmend, komisch und grausam
waren.
Ironie oder Vorahnung - Kantors letztes Stück, das 1988 uraufgeführt
wurde, trug den Titel „Ich kehre nicht mehr zurück“. Auf dem
Friedhof Rakowice in Krakau sitzt in einer kleinen Schulbank ein
Junge aus der toten Klasse. Ein Kreuz, an die Banklehne gestützt,
auf dem Pult ein Schulheft. Das ist Tadeusz Kantor auf dem Wege ins
Unbekannte, den er mit dem Scheinwerfer seiner Kunst zu beleuchten
versuchte.
(aus der Seite vom Mime Centrum)
links:
Polnisches Institut in Wien
RaabeTeatro Roma
Cricoteka
Kantor auf Wikipedia
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