RoteHaare  

Kulturzentrum RoteHaare (Wien)
 

 
     

 30./31.
MAI
2008
20 UHR
 

DIE TOTE KLASSE
(Umarla Klasa)

von Tadeusz Kantor

 

 

 

Eine Produktion RaabeTeatro (Rom)/RoteHaare (Wien)
in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut Wien

Regie und Ueberarbeitung
von
Monica Giovinazzi

 

mmit:
Danica Beyll, Iris Franc, Corinne Gobbo dCarrer,
Martha Konak, Nina Papis, Isabella Profeta, Leopold Ritschka



Minoritenplatz, 2 - 1010 WIEN
Eingang unter den Arkaden der Minoritenkirche
deutsche Fassung -
letzte Auffuehrung 30. und 31. Mai 2008

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Das bedeutendste Stück vom großen polnischen Meister in einer Überarbeitung die das Universelle, das es beinhaltet, hervorhebt und wiedergibt. Ein Theater der Bilder und des Zaubers.
 

 

 
 
 
 

UMARLA KLASA

Das Theaterstück Umarła klasa, Die tote Klasse, ist Schauspiel und Happening mit autobiografischen Bezügen (Inszenierungen s. o.) und kann noch heute als Skulptur betrachtet werden. Es wurde auch als Theater des Todes bezeichnet. Ein Exemplar mit vier aufsteigenden Bänken kann in der Sammlung der Pinakothek der Moderne in München betrachtet werden. Die acht "Schüler"- Puppen in den Bankreihen haben in der Anordnung eine starke Präsenz, die von vielen Betrachtenden als bedrohlich interpretiert wird. Die lebensgroßen Puppen wirken durch Bemalung und Haarersatz paradoxerweise wie Greise. Die verwendeten Materialien erinnern an Armut, die hier als Zeichen für Hoffnungslosigkeit gilt.

tadeusz kantor"Die tote Klasse" gilt als das bedeutendste Werk von Tadeusz Kantor, der zu den wichtigsten Vertretern des Absurden Theaters in Polen gehört. Das Theaterstück zeigt auf beispiellose Weise bis heute die universale Tradition verschiedener Kulturen und historischer Strömungen. In "Die tote Klasse" kehren die ehemaligen Klassenkameraden von Kantor in ihre alte Schule zurück. Kantor selbst spielt den Lehrer, der seine toten Mitschüler mit Marionetten konfrontiert, die sie selbst kurz vor dem Abitur symbolisieren. Die Schauspieler spielen seine ehemaligen Mitschüler als Greise, die die Marionetten (sich selbst) durch Fäden führen. Die Toten und Lebende vermischen sich. In dem Stück präsentiert Kantor eigenartige Totenrituale, indem er durch die Vergänglichkeit deformierte Bilder, Worte und Klänge vermischt. Auf der Basis seiner Erinnerungen und Erfahrungen präsentiert er die Tragödie des 20. Jahrhunderts, eine gemeinsame Erinnerung an das Jahrhundert des Holocaust.

Kantor gehört zu den Künstlern des 20. Jahrhunderts, die die Künste entgrenzten. Nach dem Studium an der Akademie der Schönen Künste Krakau arbeitete er von Anfang an sowohl als Bildender Künstler wie als Theaterkünstler. Ab Ende der dreißiger Jahre entstanden von ihm sowohl Theaterarbeiten als Bühnenbildner wie als Regisseur. Mit seinen Emballagen, Happenings und Performances gehörte er ab den fünfziger Jahren zur Avantgarde der europäischen Kunst. Ein eigenes experimentelles Reisetheater gründete er 1955. Es hieß zunächst Cricot 2, mit dem er auch "Die tote Klasse" 1975 uraufführte. Im Laufe der Jahre gab er seinem Ensemble verschiedene Beinamen, die stets auch auf die Vernetzung mit den großen künstlerischen Strömungen seiner Zeit verwiesen: Autonomes Theater, Informelles Theater, Zero-Theater, Theater der Ereignisse, Unmögliches Theater und ab 1975 Theater des Todes, mit dem er seine weltweiten Erfolge feierte. Andrzej Wajda, der Oscarpreisträger, verfilmte 1977 das Stück mit dem Ensemble des Circot 2 Theaters und dem Autor und Regisseur Tadeusz Kantor.


Monica Giovinazzi über Kantor:

„Ich habe ein großes Interesse für Ihn als kompletter Künstler, der über die Grenzen der einzelnen Rollen des Theaterwesens geht: Drama, Script, Performance und Theater. Er beginnt als darstellender Künstler und versucht die Kunst aus dem Rahmen zu zwingen um den Raum zu erobern und es jedes Mal benutzen und verwandeln zu können. Ich finde eben dieses enge Verhältnis mit dem Raum grundlegend, der so zentral wird in der Gestaltung der Performance.

Auch die Imballagen sind faszinierend und haben die Fähigkeit neue Perspektiven in den gegebenen Räumen zu finden. Auch die Rolle die das Publikum spielt ist dabei sehr interessant: es kann die ganze Entwicklung mitverfolgen und mit ihrem Verhalten und mit der persönlichen Suche des eigenen Blickwinkels selbst Teil der Performance werden.

Die tote Klasse (2007 in Rom - RaabeTeatro)
Diese Möglichkeit, Performances zu kreieren in denen das Publikum und die nicht professionellen Schauspieler (Freunde, Künstler von anderen Disziplinen) involviert sind und dazu fester Bestandteil des Ganzen sind, schafft es, dem Event einen neuen Sinn zu verleihen, und bringt das Theater zurück zur Ursprung.

Vieles verbindet mich mit Kantor und deswegen vertiefe ich seine Arbeitsweise und tue alles mögliche damit er immer bekannter wird und mehr studiert wird, und das auch damit eine Theaterform gefördert wird, die nicht nur spektakulär ist.

Ich arbeite stets, genauso wie Kantor, mit nicht professionellen Schauspieler und besonders mit den Partituren von Kantor ist es jedesmal wichtig, ein harmonisches Zusammenspiel mit den einzelnen Persönlichkeiten zu schaffen.

Die Botschaft von Kantor wird hauptsächlich von der Mise en Space übertragen. Sehr wichtig sind auch die Gegenstände und deren symbolische Bedeutung und Position im Raum. Die Worte sind mehr als Klang als Bedeutung.

Deswegen glaube ich, daß bei einer Aufführung einer seiner Werke es nicht wesentlich sei, das Bühnenbild oder die einzelnen Bewegungen mit gorsser Treue nachzuahmen; für mich ist es hingegen wichtiger seiner Arbeitsmethode treu zu bleiben, die, alleine zum richtigen Resultat führt.“


(Monica Giovinazzi)
 


Biographie:

Tadeusz Kantor (1915-1990; Maler, Grafiker, Regisseur, Drehbuchautor, Professor an der Akademie der Schönen Künste in Krakau)

Tadeusz Kantor wurde in dem kleinen galizischen Städtchen Wielopole Skrzynskie geboren, als Sohn eines Juden und einer Katholikin. Dort entwickelte sich gerade die Persönlichkeit des Menschen, dessen Lebensgeschichte wie im Spiegel ihre Widerspiegelung in seiner Kunst fand.

Nach einem Studium an der Krakauer Akademie der Schönen Künste war Kantor zunächst als Maler und Bühnenbildner tätig. Parallel zu der Malkunsttätigkeit wurde in Kantor allmählich die Vision eines eigenen Theaters, wenn nicht einer eigenen Welt, für die das Theater die Bühne und der Inhalt gleichzeitig war, reif. Sein Interesse für die Malerei hinterließ nachhaltige Spuren, nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf der Bühne, denn Kantor blieb auch im Theater ein in Bildern denkender Maler. Egal ob Schauspieler, Puppen oder Requisiten - Kantor hantierte mit ihnen, als seien sie Farbe, die er auf die Bühne spritzt. Kantors Kunst war auf eine ungewöhnlich suggestive sichtbare Übertragung gestützt.

1943 gründete er im besetzten Krakau ein Untergrundtheater, aus dem 1955 sein experimentelles Theater „Cricot 2“ hervorgehen sollte. So entstand ein einzigartiges Theater, in dem Töne, Gesten, Bilder und Symbole verbunden waren. Ein Theater, das sich mit seinem Schöpfer insoweit vereinigte, dass jegliche Versuche, Kantor von seinem Werk zu trennen, im Voraus scheitern mussten. Der Meister, der auf der Bühne auf seinem charakteristischen, hölzernen Klappstuhl saß und der sich in die Aktivitäten der Schauspieler nervös oder auch manchmal brutal einmischte, wurde zu einem untrennbaren Bestandteil jedes Stückes, seinem Subjekt und Bühnenbildelement sogar. Es ist auch im Grunde schwer zu sagen, ob die Schauspieler in seiner Vorführungen in ihrem Wesen wirklich Schauspieler und nicht nur Werkzeuge waren, die dem Genie bei der Verwirklichung seiner Visionen behilflich waren. Kantor glaubte an den Künstler in jedem Individuum. So hatten nur wenige seiner Schauspieler überhaupt eine schauspielerische Ausbildung. Seiner Meinung nach konnte jeder seine Aufgabe erfüllen: „Ich kenne keine Trennungen der Künste. Kunst ist universell und nicht begrenzt.“ Seine Forderung nach radikaler künstlerischer Erneuerung des Theaters findet sich auch in den theoretischen Schriften, Manifesten und Notizen.

Kantors Theaterarbeiten, die ihn und seine diversen Ensembles weltberühmt machen sollten, machten sich auf faszinierende Art und Weise das Sujets des Todes und der Erinnerung zu eignen. Er erschuf in seinen Stücken suggestive Räume voller Lebender und Toter. Seine Stücke wie „Mtwa“ (Tintenfisch) aus dem Jahr 1955 oder „W maym Dworku“ (Im kleinen Landhaus) erregten großes Aufsehen. Doch Kantor gab sich mit den Erfolgen nicht zufrieden. Mehrmals wagte er einen Neustart, wie z. B. mit seinem Projekt „Theatre Informel“ von 1960 bis 1962 oder dem späteren „Zero Theatre“. Mitte der 70er Jahre schuf er das „Theater des Todes“, das mit dem Stück „Die tote Klasse“ Premiere feierte. Hier wie in späteren Stücken (u. a. „Wielopole, Wielopole“) befasste sich Kantor mit der Faszination des Sterbens. Es sind Stücke, die nicht „erklärt“ sein wollen und die nur über Assoziationen zu verstehen sind. Der Maler Kantor schuf Bilder, die gleichzeitig faszinierend, lähmend, komisch und grausam waren.

Ironie oder Vorahnung - Kantors letztes Stück, das 1988 uraufgeführt wurde, trug den Titel „Ich kehre nicht mehr zurück“. Auf dem Friedhof Rakowice in Krakau sitzt in einer kleinen Schulbank ein Junge aus der toten Klasse. Ein Kreuz, an die Banklehne gestützt, auf dem Pult ein Schulheft. Das ist Tadeusz Kantor auf dem Wege ins Unbekannte, den er mit dem Scheinwerfer seiner Kunst zu beleuchten versuchte.


(aus der Seite vom Mime Centrum)

links:

Polnisches Institut in Wien
RaabeTeatro Roma
Cricoteka

Kantor auf Wikipedia