RoteHaare theater wien

 

ueber die Arbeit von Monica Giovinazzi, aus einem Interview fuer eine Bachelorarbeit.

Anlage IV: Monica Giovinazzi: Schriftinterview, 08.06.2009

Wie würden Sie einem Fachfremden Ihren eigenen Beruf als Theaterpädagogin beschreiben?

Ich bin eine kulturelle Operatorin (Kulturmanagerin) und beschäftige mich mit der Theaterregie, bin aber auch Dramaturgin, Performer und Theaterpädagogin. Ich habe 1996 in Rom den Kulturverein “Raabeteatro“ und 2006 in Wien den Kulturverein “RoteHaare“ gegründet. Ich beschäftige mich mit Kultur und interkulturellem Austausch.

Wie lautet die italienische Bezeichnung für den Beruf „Theaterpädagogik“ in Italien?

Die Bezeichnung lautet „insegnante di teatro“ und „operatore culturale”.

Welche Aufgaben und Ziele hat ein Theaterpädagoge in Italien?

Ich persönlich denke, die Ziele eines Theaterpädagogen liegen in der Verbreitung der Kultur des Theaters und dem Eingriff - mit den Instrumenten des Theaters - in verschiedene soziokulturelle Rahmen, wie zum Beispiel in der Schule, mit Lehrern hauptsächlich, den Akteuren des Unterrichtens.

Welche Kompetenzen sollte ein italienischer Theaterpädagoge haben? In Deutschland sind das beispielsweise Kreativität, Flexibilität, Organisationsfähigkeit, Empathievermögen, u. a.

Die Kompetenzen, die du angedeutet hast, sollte er auf jeden Fall haben. Ein Theaterpädagoge müßte dazu in der Lage sein, seine Aufmerksamkeit und Konzentration ständig zu verfeinern, und auch die Fähigkeit besitzen, das Talent und die natürlichen Eigenschaften der einzelnen Schüler oder Teilnehmer an einem Schauspiel hervorzuheben, ihnen mehr Selbstwertgefühl zu vermitteln, und ihnen die Möglichkeit und die Instrumente geben, diese angeborenen Eigenschaften zu erschließen. Dazu auch eine Situation herstellen können, in der die Schüler sich wohl fühlen und das Unbekannte aus sich selbst herauslassen können, ohne Angst davor zu haben. Es ist aber auch wichtig, die Schwächen der Schüler zu erkennen und sie nicht zu forcieren, wo es nicht angebracht ist, damit jeder einzelne den besten Weg zum Theater findet. Es ist sehr mühsam, aber ich könnte nichts anderes tun.

In Deutschland kann ein Theaterpädagoge in sozialen Einrichtungen wie Jugendzentren und Altersheimen, in Schulen, Unternehmen, kulturellen Einrichtungen sowie Kirchen und Volkshochschulen, im Theater und vielen anderen Bereichen arbeiten. Auf welchen Gebieten arbeitet ein italienischer Theaterpädagoge?

Auch in Italien arbeiten Theaterpädagogen in sozialen Einrichtungen, genau wie in Deutschland. Dazu könnte man noch hinzufügen, dass auch in Strafanstalten und psychiatrischen Kliniken viel mit den Methoden des Theaters gearbeitet wird.

Wie werden theaterpädagogische Projekte finanziert?

Es gibt den FUS – Nationaler Unterhaltungsfond, wobei die meisten finanziellen Mittel an die Lyrik gehen, recht viel für die Filmindustrie ausgegeben wird und sehr wenig für Theater und Tanz .
http://www.spettacolodalvivo.beniculturali.it/attivit%C3%A0/fus/Decreto_Riparto_FUS_13_2_2009.pdf
Das meiste Geld wird den offiziellen, öffentlichen Theaterhäusern gegeben. Es ist sehr selten, dass Theatergruppen öffentliche finanzielle Förderungen bekommen, und das hängt meistens mit politischen Beziehungen zusammen.
Hinzu kommen noch Fördergelder von einzelnen Regionen, Provinzen oder Städten, die Ausschreibungen machen, an denen auch Kulturvereine und Theatergruppen teilnehmen können. Auch hier spielen aber die politischen Beziehungen eine Rolle.
Dann existieren auch noch Europaprojekte
Sponsoring von Privatleuten gibt es meistens nur für ganz große Projekte, die eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit garantieren.

Mit welchen Methoden arbeitet ein italienischer Theaterpädagoge?

Es gibt verschiedene Methoden und Schulen, einige aus der Tradition wie von Stanislawskij, Strasberg und Grotowski, oder von den Nachfolgern der großen italienischen und internationalen Regisseure, die in Italien sehr wichtig gewesen sind, wie z. B. Strehler oder Peter Brook: Andere Methoden kommen von der italienischen Tradition der Commedia dell’Arte und der Cantastorie (Bänkelsänger)

Wie bekannt ist theaterpädagogische Arbeit in Italien?

In Italien ist sie nicht sehr bekannt, außer man ist beim Fernsehen beschäftigt. Wenn man zum Beispiel Trainer von irgendeinem Schauspieler einer Soap oder Reality Show ist, dann hat man gute Chancen, berühmt und bekannt zu werden.
Die normalen Theater scheinen zurzeit immer weniger besucht zu werden. Es gibt zwar Theaterresidenzen in ganz Italien, wo sehr gute Pädagogen wirken. Sie scheinen aber eher Inseln für bestimmte “Theater- Eliten“ zu sein.

Welche Studiengänge gibt es zur Ausbildung zum Theaterpädagogen?

Es gibt öffentliche Akademien, aber auch andere, die nur teilweise öffentlich sind. Dann gibt es weiter private Akademien und Kulturvereine – wie das von mir gegründete RaabeTeatro – die Theaterkurse anbieten, welche vom Bildungsministerium anerkannt, aber nicht finanziell unterstützt werden. Es gibt auch ein ziemlich breites Angebot an Stages und Master, die werden aber oft nicht anerkannt. Es ist nicht immer leicht, die guten Kurse zu finden. Normalerweise sollte man auf den Namen des Pädagogen achten und auf dessen Lebenslauf. Die Universitäten bieten meistens nur theoretische Kurse an – im Rahmen der humanistischen Lehrgänge – und nur selten gibt es auch die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. In diesem Bereich ist die persönliche Erfahrung jedoch unentbehrlich.

Welches Ansehen haben italienische Theaterpädagogen?

Sie haben nicht immer ein gutes Ansehen, weil eben der Beruf nicht wirklich anerkannt wird.

Können Sie einen Prozess eines theaterpädagogischen Projektes kurz skizzieren?

Es ist für mich schwierig, einen Prozess kurz zu beschreiben. Vielleicht kann aber das Schema eines dreijährigen Kurses nützlich sein, den ich mit einer Gruppe von Mittelschullehrern durchgeführt habe. Ich kann aber nicht ins Detail der verschiedenen Übungen gehen.
Mit dieser Methode, die ich in den vergangenen Jahren unter dem Zusammenwirken von Elementen von Gesang, Bewegung, Tanz, Architektur, Musik und Kunst entwickelt habe, versuche ich, eine ganzheitliche theatrale Ausbildung anzubieten: Ich habe kein Interesse daran, Regisseure oder Schauspieler auszubilden, sondern „Operators“ (operatori), die die gesamte theatrale Welt in Anspruch nehmen. Performer – wie in der Tradition der „Commedia dell’Arte“, wo jeder gleichzeitig Autor, Tänzer, Akrobat, aber auch Sänger war und eine ganzheitliche Vision des Theaters hatte und so auch die Möglichkeit, direkt mit allen Instrumenten des Theaters zu arbeiten.
Das Theater und seine "Werkzeuge" sind bestimmt auch sehr wichtig fuer die Arbeit in und mit der Schule. Der Dozent soll ein Scahuspieler sein und seine Schueler interessieren, miteinbeziehen in die dramatische Aktion des Lernen, immer dafuer sorgen dass die besten Bedingungen fuer die Aufmerksamkeit aufrechten bleiben. Theater ist aber auch die beste Weise Argumente zu vertiefen und in Frage zu stellen.

Erster Zyklus
(Die Beschreibung der Uebungen ist nur ein Beispiel der vielen Moeglichkeiten)
Thema: Wahrnehmen der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Anwendung
Der sprechende Körper: die Tableaux vivants
Man versucht, experimentell den Unterschied zwischen der gespielten und der erlebten Handlung herauszufinden. Man bekommt ein Thema, und jeder stellt sich in einer Körperhaltung dar, die in Bezug stehen soll auf den Raum und den oder die anderen Körper, die im Raum sind. Diese Erfahrung fördert eine Weiterentwicklung der neuen Tableaux und damit die Improvisation einer Erzählung, die gleichzeitig zur Handlung führt.

Die versteckten Stimmen: die Lautmalerei – Grundsteine von Diktion und Phonation
Übungen zur Aufwärmung des Stimmapparats, Artikulationsübungen und Versuche von Lautbildung.
Es wird individuell über den Infinito von Leopardi gearbeitet mit Lese- und Interpretationsübungen. Dazu bearbeitet jeder ein Gedicht von dem berühmten italienischen Dichter Giacomo Leopardi. Es folgen Übungen des Lesens und Proben der Darstellung. Man entscheidet über Pausen. Das Wort nur als Klang.....

Das Betreten des Raumes: die Choreographie
Übungen zur Entspannung des Körpers und Erfahrung eigener Spannungen. Übungen zur Motorik und Betreten des Raumes.
Man arbeitet in Gruppen an einem Monolog aus den "Eumenidi" von Eschilo nach der Übersetzung von P.P. Pasolini. Man liest und interpretiert den Text, während einer Choreographie: rhythmisch, keine Mimik oder Gesten. Man sucht die wahre und die abstrakte Bewegungen, die bestimmte Wörter im Raum „übersetzen“ kann. Der Text wird ohne Worte dargestellt. Danach wird die Stimme wie Musik benutzt. Mal ist es der Text, der die Bewegungen beeinflusst, mal umgekehrt.

Die Improvisierung: der Gegenstand

Übungen zum Aufwärmen der Glieder und um das Taktgefühl zu erwecken.
Improvisierung mit erfundenen Gegenständen von unterschiedlichem Gewicht und Masse,
- um das Taktgedächtnis wieder zu erwecken
- Improvisierung mit wahren Gegenständen
- Anwendung des Gegenstandes - abgesehen von der eigentlichen Nützlichkeit
- Funktion des Gegenstandes.
Man spricht über Gegenstände und einigt sich, dass die beste Lösung darin besteht, den Schauspielern schon von Anfang an die Requisiten und Kostüme zu geben, die sie im Stück benutzen werden, weil die Verwendung eines Gegenstandes neue Möglichkeiten ergeben könnte, die Person zu definieren oder die Szene aufzubauen.

Die Beziehung zur Körpersprache: die Stühle
Übungen – mit und ohne Mimik – mit Stühlen in verschiedener Beziehung untereinander: So kann man beobachten, wie jede Position in sich schon Bedeutung hat.
Zu zweit arbeitet man dann an einem Dialog aus „Warten auf Godot“ von Beckett. Die Teilnehmer müssen eine Interpretation des Textes darstellen und dazu jeweils eine Sequenz von Umstellung der Stühle vornehmen. Jede Neuanordnung soll einem Bruchteil des Textes entsprechen und einen Wechsel im Vorhaben darstellen.

Die Improvisation: der Gegenstand
Ein dramaturgischer Trick: ein Monolog

Man nimmt die Improvisation mit dem Gegenstand wieder auf, aber diesmal geht es um einen persönlichen Gegenstand, von dem man die Herkunft und Geschichte erzählt und der in den Händen der anderen Teilnehmer zu etwas anderem wird. Die Anregungen, die dadurch entstehen, werden gesammelt und liefern später nützliches Material für einen Monolog, den man dann schreiben soll.

Ein dramaturgischer Trick: ein Text

Leitweg zur Aufstellung eines Dialogs: Regeln und dramaturgische Hinweise

Die Inszenierung
Man arbeitet gruppenweise an der Inszenierung der aufgeschriebenen Texte aus der vorigen Lektion. Man muss besonders auf folgende Elemente achten: Nutzung des Raumes, die körpersprachliche Verbindung zwischen den Personen, die Reihenfolge oder die Gleichzeitigkeit von Dialogen, Monologen oder Gegenszenen.

Zweiter Zyklus
(natuerlich bestehen auch die folgenden Zyklen aus Uebungen, die hier aber nicht aufgefuehrt sind)
Thema: Die Bildung der Person und ihre Inszenierung

Grundbausteine der Commedia dell’arte
Das „als ob“ von Stanislavkij
Optimaler Gebrauch der Bühne
Inszenierung nach dem italienischen Theater
Inszenierung in einem nicht traditionellen Raum
Realisierung einer Schlussaufführung

Dritter Zyklus

Thema: dramaturgisches Schreiben und Inszenierung
Ein selbst geschriebener neuer Text
Auswahl des Themas
Grundbausteine der dramaturgischen Schreibtechnik
Monolog
Dialog

Umschreiben und Adaptierung eines Textes
Ergänzung
Erfindung neuer Personen und Chor
Untersuchung des Textes
Der „Untertext“
Szenische Überprüfung
Grundbausteine der Regie und Inszenierung.

 

 
 
 
 
 
   

 

   
Unsere Adresse:
Neustiftgasse 31
1070 Wien
Tel.:06644888014
E-mail:info@rotehaare.at 
  Allgemeine Hinweise zu den Kursen:
Veranstaltungsort:  RoteHaare Kulturverein  Neustiftstrasse 31 (St. Ulrichsplatz) statt, im 7. Bezirk
Anmeldung:  Um sich anzumelden genügt  ein email an info@rotehaare.at oder ein sms an die Handynr. 06644888014 mit Angabe von Namen und Telefonnummer.
Teilnehmerzahl: bis maximal 12 Personen
Mitzubringen: Bequeme, locker sitzende Kleidung, Schreibmaterial.
 
 
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