| THOMAS STRITTMATTER | ||||||||||
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Der Schriftsteller Thomas Strittmatter wird als Erzähler, Roman-, Bühnen- und Drehbuchautor hoch geschätzt. Wer seinem Werk begegnet, entdeckt schnell, dass Strittmatter Kunst studiert und als Maler und Zeichner gearbeitet hat. Zu Beginn seiner Karriere beeindruckte er als „Doppelbegabung“. Die Ausstellung „Schwarz und Weiß – T.S. in seiner Kunst“ in Stuttgart bot 2005 erstmals einen repräsentativen Überblick über diesen Teil seines Schaffens. Sie zeigte, wie nahe sein bildnerisches Denken dem des Schriftstellers war, wie sehr seine Kunst zum Verständnis seines Hauptwerks beitragen kann. In einem privaten Gespräch äußerte er sich 1982 über die Malereiausstellung „Zeitgeist“ im Berliner Gropius Bau. In dieser epochalen Ausstellung waren die damals aktuellsten Maler versammelt. Sein Kommentar: „Ich bin lieber Geisterfahrer als Zeitgeist!“ In diesem Satz steckt nicht nur der anarchische Impetus eines 20 jährigen. Zugleich zeigt sich hier eine Haltung, die einer Zeitlosigkeit von Thema und Stil vertraut. Der Vergleich von späteren Zeichnungen mit früheren, beispielsweise Skizzen aus seiner Bewerbungsmappe, macht neben dem außergewöhnlichen Talent eines deutlich: hier ist jemand, der seinen Stil früh gefunden hat. Strittmatter bleibt sich selbst treu während er sich weiterentwickelt. Er unterwirft sich keinen stilistischen Zeitsströmungen. Folgerichtig bezieht er – ungewöhnlich früh- in seinem ersten Studienjahr ein eigenes Atelier. In den 5 Jahren, in denen er in Karlsruhe studiert, ist er ungemein produktiv,- er schreibt , zeichnet und malt erfolgreich. Es ist beeindruckend, mit welcher geradezu traumwandlerischen Sicherheit er sich zwischen den Gattungen bewegt, ganz so als hätte er bereits ein Thema, das alles verbindet. Ein zentrales Thema lässt sich bereits erkennen: die menschliche Existenz und wie sie sich in gesellschaftlichen Randfiguren offenbart. In seinem gesamten Werk, also auch dem bildnerischen, stößt man auf Figuren, denen man das „in die Welt geworfen sein“ ansieht. Allein der Roman „Raabe Baikal“ versammelt Protagonisten, die allesamt Randfiguren von tragikomischer bis skurriler Gestalt sind. Nicht selten begegnet man einfachen Menschen, die durch die Art und Weise, wie sie mit ihrem Schicksal verbunden sind, eine beispielhafte Größe annehmen. Dies kann auf eine sehr humorvolle Weise geschehen, wie bei der Tuschzeichnung mit dem Polizisten, der von einem monströsen Pizzastück verfolgt wird. Von einer eher lakonischen Unabwendbarkeit erzählt die Bildgeschichte vom nicht weiter benannten Bergsteiger, der hoch hinaus will und es doch nur bis auf das Dach seines Hauses schafft. Dort entschläft er beiläufig. Der betroffene Mensch wird bei Strittmatter größer, weil er ihn exemplarisch heraushebt. Die Zeit bleibt in diesen Schicksalsmomenten stehen und die Grenzen zwischen tierischer Existenz wird fließend. Das macht viel von der Skurrilität von Strittmatters schriftstellerischem und bildnerischem Werk aus. Metamorphosen von Mensch zu Tier begegnet man beispielsweise in der Erzählung „Kolk“ aus dem Band Milchmusik. Wie er zeichnerisch eine Metamorphose entwickelt, läßt sich sehr schön am Umschlagbild des Raaben Baikal beobachten. Auf einer Zeichnung findet man eine jungenhafte, kniende Gestalt mit Federn an den Armen, fast ein Ikarus möchte man meinen...Auf einem anderen Skizzenblatt verwandelt sich eine nahezu identische Figur in einen menschlichen Hasen und wird schließlich zum bekannten Flughase auf dem Titelbild. Ein Thema kann also parallel sowohl in der Zeichnung als auch in der Erzählung auftauchen. Der Flughase auf dem Umschlag des Raaben Baikal bildet die große Ausnahme in der Geschichte des Diogenes Verlags, bei dem es sonst nicht üblich ist, dem Autor die Gestaltung des Titels zu überlassen. Dies als ein Indiz für den Stellenwert seiner künstlerischen Arbeit. In vielerlei Hinsicht sind Thomas Strittmatters Biographie und Werk ein Sonderfall. Die Verbindung von schriftstellerischer und bildnerischer Arbeit macht viel von dieser Besonderheit aus. Der wunderbare und ganz eigentümliche Bildreichtum seiner Sprache ist nicht ohne seine bildnerische Erfahrung, sein bildnerisches Schaffen denkbar. Dies wurde von ihm auch selbst so gesehen, wie er in einem Interview 1986 sagt.- Er wollte beides sein, Künstler und Schriftsteller. Es sind nicht allein die außergewöhnlichen Bildgeschichten in denen die strittmatterspezifische Verbindung von Wort und Bild sichtbar wird. Ebenso kommen natürlich Bild und Wort nicht allein in seiner Arbeit für das Theater zusammen, beispielsweise in der Form von Bühnenbild- und Plakatentwürfen zu Aufführungen eigener Stücke. Diese Verbindung trägt seine Kunst überhaupt in sich: das Realistische und dabei Zeitlose, das Skurrile und der hintergründige Witz... Alle Facetten seines Werks und seiner Person gehören unbedingt zum Bild einer so vielschichtigen kreativen Persönlichkeit. Seine Bilder und Zeichnungen leisten einen unverzichtbaren und für viele überraschenden Beitrag zum Verständnis des Schriftstellers Thomas Strittmatter. Wolfgang Hambrecht, Düsseldorf im November 2008 ![]() |
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