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Thomas Strittmatter
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THOMAS STRITTMATTER |
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Ungeduldig erwartete ich die gnadenlos ueber mich
hereinbrechende Muedigkeit. Sie kuendigte sich in der Regel sanft,
mitunter kaum merklich an, so dass ich, befand ich mich gerade in
einem angeregten Zustand, der auf das Trinken, das Reden, das
Rauchen, die Lust, das Schauen oder Fuehlen ausgerichtet war, von
der Muedigkeit mit einer solchen uebermaechtigen Kraft ohne jegliche
Vorbereitung ueberfallen wurde, dass ich glaubte, nun muesse ich
sterben, nun ist es aus, und endgueltig muendet alles in
Schwarzblau, in der Stille.
Thomas Strittmatter Milchmusik
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Der eine Künstler ist des anderen Ratte
Thomas Strittmatters Fürstendrama "Gesualdo" wurde
posthum in Dortmund uraufgeführt
Astrid Herbold
Thomas Strittmatter war ein hochbegabter und
hochgelobter Autor. 1995 starb er mit 33 Jahren in
Berlin. Schuld war ein Loch in seinem Herzen, heißt
es. Eines der Stücke aus seinem Nachlaß, "Gesualdo",
hat das Theater Dortmund nun uraufgeführt.
Gesualdo, spanisch-neapolitanischer Fürst, nennt
sich bei Strittmatter "Herr der Löcher". Er ist Herr
über das lästige Loch seiner Frau, die ihn drängt,
es mit Liebe zu füllen; Herr über das Loch in seiner
Laute, der er nicht die Musik entlokken kann, die er
möchte; Herr über die stinkenden Löcher und Tümpel
seines Fürstentums und Herr über den Abgrund in
seinem Kopf.
Der historische Gesualdo war ein Freund Tassos
und vertonte einige von dessen Gedichten. Berüchtigt
wurde er 1590 durch den Mord an seiner Frau, ihrem
Liebhaber und seiner jüngsten Tochter. Die
Hofgesellschaft, bei Strittmatter ein zynischer
Haufen Huren und subventionierter Künstler, genießt
Gesualdos Geld und Gunst. Tonangebend sind der
Dichter Tasso (Niklaus Scheibli) und der Maler
Caravaggio (Michael Masula): "Der eine Künstler ist
des anderen Ratte und Schmeißfliege." Der Fürst
(Thomas Dehler) flieht vor diesen Ratten und
Schmeißfliegen, die seine zögerlichen
Kompositionsversuche angeekelt umschwirren, in ein
weiteres Loch. Er läßt sich ein Jahr lang einkerkern
in der Hoffnung, durch absolute Abstinenz vom Leben
der wahren Kunst näherzukommen. In seiner
Abwesenheit fällt die gelangweilte Meute
übereinander her. Der Maler vergnügt sich bei einer
Aktsitzung mit dem Meßdiener, der Musiklehrer mit
der fürstlichen Ehefrau. Falsche Briefe kommen in
Umlauf, falsche Kinder werden gezeugt.
Ironisch-beiläufig zitiert Strittmatter Motive
klassischer Versteck- und Verwechslungskomödien.
In Dortmund schafft man es dagegen gerade mal,
Verfolger und Verfolgte über ein Plastikschaf
stolpern zu lassen. In der beklemmenden Enge und
Dunkelheit von Thomas Grubers Bühne ein schräger
schwarzer Tunnel, in dem der Nebel wabert und
Neonröhren den Weg weisen verlieren die Schauspieler
sich in steifen Arrangements und Strittmatters Text
in lieblos klischeehaftem Spiel. Die Soli der Band
"Engel wider Willen", eine skurrile Mischung aus
mittelalterlichen Gesängen und moderner E-Musik,
zählen zu den herausragenden Momenten des Abends.
Aber auch sie können den fehlenden Rhythmus und die
vielen falschen Laute dieser Inszenierung nicht
übertönen. Regisseur Wolfgang Trautwein hat mit
seinem halbherzigen Stilisierungsversuch weder die
Komik dieses Anti-Tasso-Stükkes noch seine
Melancholie einfangen können. Als Gesualdo an den
düsteren Hof zurückkehrt, ist sein Glaube an die
Kunst und an die Menschen längst auf der Strecke
geblieben. Selbst den rächenden Mord ist ihm die
Ehefrau nicht mehr wert. Er schickt sie weg und
bleibt endlich allein Herr des letzten großen Lochs,
das da klafft.
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"Tote soll ma' tot sei lau"
"Anna, eine in den Schwarzwald
dienstverpflichtete polnische Mag, wird tot in einem Weiher
gefunden. Ganz besonders nimmt der Vorfall Rot mit, einen ehemaligen
Landstreicher und Korbflechter. Rot findet recht bald heraus, daß
Hungerbühler, der Bauer, bei dem er als "Schlafgänger" wohnt, für
Annas Tod verantwortlich ist. Auch der Kommissar, der in dem Fall
ermittelt, ist recht bald im Bild; zum einen aber findet er Gefallen
an Hungerbühlers Frau Antonia, zum anderen sieht er den nahenden
Zusammenbruch voraus und braucht einen Unterschlupf, den er in dem
abgelegenen Schwarzwaldhof zu finden hofft. Außerdem wäre es
peinlich, wenn von dem Fall etwas an die Öffentlichkeit käme, denn
es widerspräche der Nazipropaganda über die Lage der Ostarbeiter.
Rot reagiert mit einem körperlichen Zusammenbruch profaner Art:
Darmverschluß.
Da bald das ganze Dorf über
Hungerbühlers Tat Bescheid weiß, da er auch mit seinen
Gewissenskonflikten zwischen Nazi-Ideologie und Menschlichkeit nicht
mehr zurecht kommt, meldet er sich freiwillig an die Front. Er fällt
bald. Rot stirbt an seiner Krankheit. Der Plan des Kommissars
gelingt, er kann bei Antonia Unterschlupf finden.
In einem Nachspiel erhält der
Kommissar vom CIC - der Organisation, die die Nazi-Verbrechen ahndet
- den begehrten "Persil-Schein". Danach ist er nicht mehr an Antonia
interessiert. Seiner weiteren Laufbahn als Polizeibeamter steht
nichts mehr im Wege, da durch einen Brand kompromittierende Akten
vernichtet wurden."
Das Stadttheater Konstanz brachte
1984 Thomas Strittmatters Volksstück "Polenweiher", von dem hier die
Rede ist, zur Uraufführung. Strittmatter, 1961 in St. Georgen im
Schwarzwald geboren und 1995 früh gestorben, schrieb das Stück in
der Sprache seiner Schwarzwälder Heimat, in Alemannisch. Danach
wurde es in Freiburg und Esslingen gespielt, auch als Fernsehspiel
und Hörspiel bearbeitet.
Das Theater Lindenhof in Melchingen,
einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb, führte 1988 zum
erstenmal eine schwäbische Fassung des Stücks auf. Ort der Handlung
war nun die Schwäbische Alb. Anna, die polnische Fremdarbeiterin,
die in Strittmatters Vorlage als Person nicht vorkam, ist auf der
Bühne präsent. Die Reintegration des Kommissars in die westdeutsche
Nachkriegsgesellschaft gibt es in dieser Fassung nicht. Wie schon
der Anfang, ist auch das Ende als Musik- und Textcollage gestaltet.
Während die Überlebenden langsam zu sich kommen, hören wir den
berühmten Ruf: "Toor, Toor". Helmut Rahn hat die Helden von Bern zur
Fußballweltmeisterschaft geschossen und Deutschland "ist wieder
wer". Die drei Toten - Anna, Hungerbühler und Rot - treffen sich
inmitten des Siegestaumels.
Im Mikrokosmos eines schwäbischen
Dorfs werden Mechanismen der Machtausübung und der Anpassung
sichtbar gemacht. Die Alltäglichkeit und Banalität des Bösen. Dies
ist - manche haben es beklagt - keine wissenschaftliche Analyse des
nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Das kann Theater nicht
leisten und sollte auch nicht von ihm erwartet werden. Die Idylle
eines Dorfs, das überall liegen könnte, wird entlarvt. Und sichtbar
werden subtile und weniger subtile Mechanismen der
Fremdenfeindlichkeit, des gegenseitigen Mißtrauens und des
Ausnützens von Schwächen der anderen. "Wir wollten eigentlich eine
Menschengeschichte erzählen und die spielt zwar in dieser Zeit und
diese Zeit spielt dann auch eine Rolle, nämlich in der Art, wie sie
den Konflikt ausformt, aber dieser Konflikt wäre auch in einer
anderen Zeit denkbar. Wir fanden das auch viel spannender zu sagen,
der Bauer hat die Polin nicht vergewaltigt, sondern das ist eine
Liebesgeschichte."
Was Aufführungen wie diese für
politische Bildung wichtig macht, ist also nicht, daß sie Ersatz
sein könnten für Vorträge oder Diskussionen zum Thema
Nationalsozialismus oder Fremdenfeindlichkeit. Sie eröffnen aber die
Möglichkeit des Einfühlens in die Vorgänge. Der emotionale Anteil
ist es, der hier von großer Bedeutung ist.
Was unterscheidet aber ein
Theaterstück wie Strittmatters "Polenweiher" von einem Film wie
Steven Spielbergs "Schindlers Liste". Heiner Müller hat Spielberg
vorgeworfen: "die Idee, so etwas (wie Auschwitz d.A.) zu
rekonstruieren im Film ist obszön. Und die Möglichkeit des Theaters,
an so etwas zu erinnern, wäre eigentlich nur Schweigen darüber."
Eine Möglichkeit, nicht obszön zu werden, aber auch nicht zu
schweigen, ist die von Strittmatter und dem Theater Lindenhof
gewählte Form. Das Grauen in seiner Totalität kann nicht auf die
Bühne gebracht werden, aber die alltäglichen Grausamkeiten, die
seine Grundlage bilden. Was sich im kleinen Dorf im Schwarzwald oder
auf der Schwäbischen Alb ereignet, ist nicht das Morden im
industriellen Maßstab. Aber es gibt das Mißtrauen und den Haß
gegenüber dem Anderen, Fremden. Das Bewußtsein, Teil des großen
Ganzen zu sein und sein zu müssen. Das Quälen der Schwächeren.
Die Toten werden also nicht in Ruhe
gelassen, sondern sie kehren zurück, lassen sich nicht so einfach
verdrängen. Vergangenheit wird vergegenwärtigt, um Zukunft gestalten
zu können |
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Dunkelheit, Wärme,
Geruch
Peter M. Buhr Thomas Strittmatter
Die ersten Worte im Œvre des
Thomas Strittmatter, so könnte es in der kompletten
Literaturgeschichtsdatenbank des nächsten Jahrhunderts lauten,
waren:
"Dunkelheit, Wärme,
Geruch.
Eine braun-weiß Gescheckte als Goldenes Kalb",
kontextsensitiv mit
den Begriffsdefinitionen verbunden. Signatur eines Werkes, das ein
Mensch zurückließ in einer Welt der Funktionen, Landschaft und Käfig
zugleich.
Ein Merkmal aller
Texte Strittmatters ist seine Vorliebe für die detaillierte
Beschreibung obszöner Elemente. Als Pendant zur durchdachten
Figuren- und Handlungsentwicklung finden sich in jedem seiner Texte
markante Reihungen schillernder Naturalien und Instrumente. Im
Viehjud Levi, seinem ersten "Stück für das Volkstheater", sind sie
noch eher provokative Zusätze zur Schilderung des bäuerlichen
Milieus. Nach und nach aber entwickelt er daraus eine
sprachspielerische Lust am Ekel, Blumen des Bösen1.
"LEVI: Alles
Viehzeugs, was der Herrgott hat gegäben a Läben und a Seel, das
scheißt. Schau, scheißt net du gar selber, äbenso? HORGENBAUER:
Hast schon recht, Levi, scheißen tu ich wohl. Aber nicht auf den
frisch geputzten Boden." (Viehjud Levi)
Die Verwendung von
drastischen Bildern, die Darstellung der Fleischlichkeit, das
Organische in Fraß, Ausscheidung und Krankheit, das
"Fleischbeschaugesetz für den Menschen"2 sind für Strittmatter die
Mittel, mit denen er den Zuschauer zur geistigen Realisierung der
Grausamkeit zwingt. Diese Grausamkeit ist kein Selbstzweck. Die
Darstellung ihrer Wurzeln in der gesellschaftlichen Norm trägt den
logischen Ablauf. Das Entsetzliche ist eine Auswirkung. Das
Alltägliche die Ursache.
Im Viehjud Levi wird
– in alemannisch zunächst – die Geschichte eines jüdischen
Viehhändlers in einem schwäbischen Dorf zu Beginn der Nazizeit
erzählt. Die Anpassungs- und Überlebensmechanismen einer kleinen
Gemeinschaft werden so genau beschrieben, daß ihr Ergebnis, das
Ableben Levis, nur noch als Anhang des Stückes notiert werden kann.
Die dörfliche Atmosphäre, die schon mit der ersten Szene entsteht,
formen das Stück mehr als die Politik. Sie ist der Druck, auf den
die Figuren reagieren. Und sie ist das Leben des Stückes, sie steckt
im Kneipengesang, im Schlachttag und im Hühnerstall – Szenen, die
ihre Kraft aus ihrer Lebensnähe schöpfen. Horgenbauer und Levi sind
Menschen, keine Symbole. Das Blut gehört zum Schlachten und der
Speck zum Essen.
Der Umstand allein,
daß ein knapp Zwanzigjähriger sein Talent und seine Versuche auf die
Vergangenheit einer älteren Generation richtet, Theaterstücke über
die faulen Stellen in der eigenen Heimat schreibt, mag anfangs Grund
für Veröffentlichung und Preise, für Förderung und Interesse gewesen
sein. Der erste Wurf – ein Treffer.
"Davon zu erzählen
bedeutet für mich eine Annäherung an die Vergangenheit, auch an die
Landschaft. Eine Reflexion über meinen Begriff von Heimat", schreibt
er in der Einleitung zum Viehjud.
Und doch, so sehr
sich Sprache und Thema anfangs den Erwartungen an einen jungen Autor
fügen, so sind sie auch Barrieren, die Strittmatter zwischen sich
und den Regeln des "Horgenhofes" aufzubauen sucht. Deftige Sätze,
die anprangernde Entblößung der Schuld, von der die eigenen
Schultern frei waren, sind Emanzipationsversuche von der Welt der
"Erwachsenen", die mit Lob nicht sparte. Das Dilemma des Hofsängers
ist ihm bewußt und drängt zu Erläuterungen in Vorwort und
Regieanweisungen, zu leisen Anflügen einer Absurdität im Text, die
ihren Geruch erst allmählich entfaltet.
" ... ich habe vier
Jahre gebraucht, um das wieder loszuwerden.", sagt er später über
den Umgang mit Erfolg, am Ende einer Ehrung.
Auch der folgende
Polenweiher handelt in der Zeit des Krieges, doch liegen jetzt die
Wurzeln der Gewalt in einer noch gültigen Moral. Eine schwangere
Zwangsarbeiterin liegt tot im Dorfteich. Nicht das Schicksal der
marienhaften (madonnenhaften?) Leiche, sondern die mißlingende
Verdrängung, die zerstörerischen Mechanismen im Zirkel der
Beteiligten stehen im Zentrum. "Sachzwänge" der Gemeinschaft fordern
Anpassung bis hin zum getarnten Suizid, – Verrat, Verkauf und
Selbstbetrug funktionieren zeitlos.
DOKTOR
(zum Skelett des ROT,
A.d.R):
Auch von der
psychologischen
Seite her betrachtet, war
Ihr Fall sehr interessant.
Noch nie las ich dergleichen,
und im Moment arbeite ich
an einem Artikel für die
Deutsche Ärzteschau:
Notdurft oder Verdrängung.
Zur Fäkalerotik des Joachim Rot.
Die Verbindung
von sexueller und leiblicher Krise
ist wohl die Erklärung für Ihren
merkwürdigen Hang,
Ihren Harn
in dreihundertachtundvierzig
Bierflaschen aufzubewahren.
Ohne Zweifel, Herr Rot,
Sie waren, sind ein Phänomen.
Hochachtung, Herr Rot.
Verbeugt sich.
(Polenweiher)
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Keine verschwendete Zeit
Vor knapp zehn Jahren,
am 29. August 1995, starb der Schwarzwälder Dramatiker, Romancier,
Maler, Zeichner und Drehbuchautor Thomas Strittmatter in seiner
Prenzlauer Berger Wohnung. In Berlin, wo er via Karlsruhe (dort
hatte er Malerei studiert) und München geraten war, erlebte er nicht
einmal seinen 33-jährigen Geburtstag. Das Herz, das er lange
vernachlässigt hätte, machte nicht mehr mit. Der Tod beendete
plötzlich die ausschweifenden Nächte im "Torpedokäfer", seiner
Stammkneipe seit 1994, und die Tage eines schöpferischen Neubeginns
in der kulturell gespalteten Hauptstadt. Es war ein einsamer Tod.
Der letzte Grappa war noch mit einem heiteren Optimismus geleert
worden: "Erstmals seit Wochen fühle ich mich wieder wunderbar".
Seine neuen Berliner Freunde (zu denen ich mich zählte) waren
entsetzt, während seine älteren in seiner Heimatstadt nur noch auf
den Sarg warten konnten.
Da, wo das Leben endet, berichtet die Dokumentation von Bettina
Petry und Peer Martiny nur wenig; sie setzt bei Kindheit und Jugend
ein, verknüpft Strittmatters Lebensstationen, ohne wirklich die
Reise rückwärts anzutreten. Es ist ein Porträt, chronologisch
aufgezogen, mit feinen biographischen Querschnitten. So gesehen -
ein schönes Porträt, das es jedoch versäumt, die existentiellen Nöte
des Dichters herauszuarbeiten.
1961 in St. Georgen im Schwarzwald geboren, wuchs Strittmatter in
einem dörflichen Milieu auf, zwischen Schlachthöfen, einer scheinbar
intakten Gemeinschaftlichkeit und einer Naturidylle, die dem
flüchtigen, undistanzierten Blick die Verdrängung der Nazizeit hätte
leicht machen können. Strittmatter beugte sich allerdings der
trügerischen Beschaulichkeit nie. Die unbewältigte Vergangenheit
drückte aufs Gemüt des Nachgeborenen, schärfte Sinne und Verstand.
Schon sehr früh schrieb er alles auf, was auf eine Maske hindeutete,
malte, wenn ihm das Schreiben nicht reichte, verortete im Bild und
Wort gleichermaßen akribisch die Konturen seiner
dörflich-kleinstädtischen Lebenswelt. Bald bahnte sich die Einsicht
ihren Weg: Irgendwas ist faul in der Heimat. Strittmatter beschloss
Künstler zu werden.
Die Eltern beugten sich dem Wunsch des jüngsten Sohnes nach der
"brotlosen Kunst", die für ihn doch zum Verhängnis werden sollte.
Vor allem Anekdotisches, nicht jedoch ein stringentes, inneres Band
von Leben und Werk, findet der Zuschauer bei Petry und Martiny.
Strittmatters Lebensphasen - als Maler und Dichter - werden dabei
klar und schnörkellos aufgezeigt: Ein Zug, der das Dörfliche
verlässt. Karlsruhe - die Phase malerischer, lebensdurstiger
Experimente. Dann München, das noch an die Heimat erinnert, aber ihn
in eine erste, bedrückende Anonymität katapultiert. Schließlich die
kurze Berliner Zeit (1993-95), die neuere, größere Distanzen
aufreißt. Im Schatten des ersten Erfolgs versucht der Dichter sich
neu zu erfinden, ein neues Werk zu entwerfen.
Der Bezug auf die große Welt vertreibt jedoch Eigenes, den
ursprünglichen Kontext keineswegs, auch nicht in Frankreich oder New
York, wo er schon einen Namen hat. So berichtet der Freund und
Filmregisseur Jan Schütte: Strittmatter ist souverän, weil er seine
Weltläufigkeit nicht überspannt. Der ruhige, bescheidene
Schwarzwälder, der in seiner sprachlichen Knappheit an eine
wohlüberlegte, ständige Montage erinnert, könne durchaus mit Georg
Büchners Größe verglichen werden.
Andererseits war da die Hast des Lebens, dem er stets das Werk
abtrotzte. "Jeder Griff muss sitzen!" Joseph Beuys vitalistisches
Postulat, das diesem artistischen Schaffenstakt ein festes Band von
Leben und Kunst zukommen lässt, endete bei Strittmatter mit einem
unglücklichen Bewusstsein. Die Spaltungen waren zu tief, die Risse
kaum zu überbrücken. Der Verdrängung historischer Heimatwahrheiten,
die er durch genaues Hinsehen aufzubrechen versuchte, folgte eine
Verdrängung eigener Gebrechlichkeiten. Sie wurden als zu unwichtig
vernachlässigt, diese kranken, warnenden Signale, die dem Werk und
dem rauschhaften Leben im Wege standen. Heimat, ihr innerster
Bezirk, die eigene Haut als letzte Schicht der Existenz: Man
versteht sie nur, wenn man sich darüber hinwegsetzt - und
schließlich schweigt.
Strittmatter war stets ein guter Ratgeber in Sachen Gesundheit,
empfahl mehr als einmal im "Torpedokäfer" befreundeten Biertrinkern
ausgleichendes Magnesium, um getrost weiter trinken zu können. Was
ihn betraf, verdrängte er seinen Aortaklappenfehler, der dringend
nach einer Reparatur verlangte. "Es hat noch Zeit!" sagte er
gelassen. Nicht "keine Zeit verschwenden!"
Mit seinem dramatischen Erstling Viehjud Levi, das er
bereits mit 17 Jahren schrieb, gelang dem jungen Autor einen
"Geniestreich", so die damals begeisterte Kritik. Die späteren
Stücke erreichten nicht den gleichen Erfolg, kamen zumeist nicht
über den Applaus der Uraufführung hinaus. Der Dramatiker war
unglücklich. Man spielte ihn nicht. Die Stücke erscheinen als
"pathologisch und nekrophil", sind überdies einstigen und
neuerlichen Faschisten Produkt eines "perversen Gesindels", so ein
Brief "aus der Heimat" von 1987, den Petry und Martiny Strittmatter
vorlesen lassen. Er hat den neuen Fremdenhass in der deutschen
Idylle genau unter die Lupe genommen, zum Beispiel in seinem Stück
Polenweiher (1984).
Strittmatter verband den Aufklärungsgestus mit einem zwiespältigen,
aber immanenten Heimatbegriff, er blieb dabei einer archaischen
Beschreibung seiner verschiedenen Schattierungen verpflichtet,
widersetzte sich einer schlagwortartigen Kapitulation vor der
"modernen Versprengung" kultureller Identitäten. Innewohnende,
unumgehbare Heimat, das machte seine Weitläufigkeit aus.
Der Dramatiker schrieb nicht nur Theaterstücke, sondern auch
Drehbücher, die große Entwürfe suggerierten, aber dem Kleinen
detailgetreu folgen. So Drachenfutter (1987),
Königsstechen (1988) oder Winckelmanns Reisen (1990).
Auf Wiedersehen Amerika (1994), seine dritte Zusammenarbeit
mit Jan Schütte, zeigte facettenreich jüdische Heimatlosigkeit, die
sich im Kleinen niederschlägt. Es sind die Details, die mehr
erzählen als große Tiraden: Einer schneidet Zwiebel in der Hand,
weil man keinen Tisch hat. Strittmatters Poetik entstand stets aus
der genauen Beobachtung heraus, aus Details, die sonst oft verborgen
bleiben, so wiederum Jan Schütte.
1995 erlebte Strittmatter nur noch den Rohschnitt seines letzten
Films Bohai Bohau (Regie Didi Danquart). 1999 wurde sein
Erstling Viehjud Levi ebenfalls von Danquart verfilmt. Die
Dokumentation Keine Zeit verschwenden bringt noch einmal
posthum die dramatische Schärfe des zu jung gestorbenen Dichters zur
Geltung und räumt post mortem, in diesen zehn verschwenderischen
Jahren, dem Dichter einen berechtigten Platz unter den großen
deutschen Dramatikern ein. (Hugo
Velarde) |
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Thomas-Strittmatter-Retrospektive am Theater Rampe Stuttgart
In das Jahr 2005 fällt nicht nur der
200. Todestag von Friedrich Schiller, sondern auch der 10. Todestag
von Thomas Strittmatter. Das theater rampe stuttgart nimmt dies zum
Anlass, Thomas Strittmatter und sein Werk in Erinnerung zu rufen.
An der Retrospektive beteiigen sich die Kunststiftung
Baden-Württemberg, das Literaturhaus Stuttgart, der ZDF
Theaterkanal, das Literaturarchiv Marbach, der Diogenes Verlag, das
Literarische Colloquium Berlin, die MFG Baden-Württemberg, das
Kommunale Kino Stuttgart und viele mehr.
Im Rahmen dieser Strittmatter-Retrospektive präsentiert das Theater
am 08. Oktober 2005 die Premiere des Stückes "Polenweiher" von
Thomas Strittmatter. Regie führte Peer Martiny, ein langjähriger
Freund und künstlerischer Gefährte Thomas Strittmatters.
Polenweiher handelt in der Zeit des Krieges. Eine schwangere
Zwangsarbeiterin liegt tot im Dorfteich. Nicht das Schicksal der
Leiche, sondern die misslingende Verdrängung, die zerstörerischen
Mechanismen im Zirkel der Beteiligten stehen im Zentrum. Eine
Geschichte, in der alle alles wissen, doch keiner davon spricht und
keiner davon kommt.
Polenweiher ist eines der interessantesten Stücke des neuen
deutschen Volkstheaters und wurde mit dem Volkstheaterpreis des
Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Ebenfalls im Rahmen der Strittmatter-Retrospektive - am 10.
Oktober 2005 die Gesprächsreihe "Das rote Sofa": Gastgeberin Marlis
Prinzing begrüßt dieses Mal den Autor und Journalisten Robert Misik,
einen Weggefährten von Thomas Strittmatter.
Bereits einen Tag vor der Polenweiher-Premiere, am 07. Oktober 2005
um 20 Uhr, eröffnet ein neuer Raum: das theater rampe fundbüro.
Jahrzehntelang konnten StuttgarterInnen ihre in den öffentlichen
Verkehrsmitteln verloren gegangenen Gegenstände hier wiederfinden
bzw. abholen. Das fundbüro soll nun ein pragmatischer Ort des
Findens bzw. Erfindens werden: eine Art Labor, eine Versuchsanstalt.
Der Raum soll ein Jahr lang mit theatralischen Projekten, Lesungen,
Internet-Projekten, Ausstellungen und Konzerten der experimentellen
Art belebt werden - zur Eröffnung des fundbüros mit Wilhelm Reichs
Rede an den kleinen Mann, einen Abend von und mit Peer Martiny.
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Brach
Komödie vom Spielen Sterben Erben von Thomas Strittmatter
Premiere am 18. Mai 1997, 19.30 Uhr, Studiowerkstatt
Inszenierung: Dirk Schulz
Ausstattung: Martin Kloepfer
Dramaturgie: Sabine Christl-Nilles
»Brach«, ein bisher selten gespieltes Werk des im letzten
Herbst überraschend gestorbe nen jungen Autors Thomas
Strittmatter hat am 18. Mai 1997 im Badischen Staatstheater
Premiere. »Brach« ist ein Spiel von den absichtsvollen
Fälschungen der Biographie, um sich und anderen plausible Gründe
für die eigene, scheinbar sinnlose Existenz vorzuma chen; und es
handelt von den Bedingungen der Lebenslügen: wie man sie
erlernt, ererbt und damit stirbt, alltäglich.
Die Handlung nach der Kurzbeschreibung des Verlags: »Ich weiß
nicht einmal, ob es immer derselbe Traum ist, denn kaum wache
ich auf, habe ich auch schon vergessen, was mich so in Panik
versetzt«.
»Brach und seine Mutter leben in einem gegenseitigen
Abhängigkeitsverhältnis zusammen. Brach täuscht ihr vor, eine
Doktorarbeit zu verfassen, sie täuscht ihm und sich vor, den
Vater, ihren Mann im Krieg verloren zu haben.
Fanny Mohr, die Hausfreundin, macht Ordnung, buhlt derweil um
den Sohn, wie sie schon um den Papa gebuhlt hat.
Die drei sind leidenschaftliche Spieler, scheinen aber allesamt
leidenschaftliche Verlierer zu sein.«
Thomas Strittmatter, einer der leise nachdenklichen Zeichner
bundesrepublikanischer Wirk lichkeit, stammte aus St. Georgen im
Schwarzwald und ist dennoch in »seiner« Hauptstadt Karlsruhe, wo
er die Kunsthochschule besuchte, so gut wie unbekannt. Mit
seinen Theater stücken 'Der Kaiserwalzer', 'Polenweiher' und vor
allem 'Viehjud Levi' gelang ihm ein frisches, neues
Volkstheater, das sich kritisch und kreativ mit der
Zeitgeschichte auseinan dersetzt.
Es spielen: Ingo Brach: Eckhard Winkhaus; Mutter Brach: Betina
Kalka; Fanny Mohr: Birgit Bücker; Ein Postbote: N.N.
Thomas Strittmatters "Brach"
Burgberger Bühnenproduktionen - März '98
Schwarzwälder Bote:
»Ich liebe mich und hasse die Welt«
Strittmatters Personen im Konflikt mit sich selbst
Mit der Aufführung der Komödie »Brach« wurde auch der letzte
Schaffensbereich von Thomas Strittmatter im Rahmen der
St.Georgener Gedenkwoche abgedeckt.
Das Theater lag ihm selber sehr am Herzen, hatte er doch seinen
ersten Erfolg mit dem 1982 aufgeführten Stück »Viehjud levi«
gehabt. Der Besuch in der Stadthalle war gut, viele
Strittmatter-Fans hatten sich eingefunden um auch die
dramatische Seite des St.Georgener Künstlers kennenzulernen.
Die Komödie »Brach« trägt ihre Bezeichnung zu Unrecht, was zu
Anfang für Verwirrung sorgen kann, es handelt sich vielmehr um
eine Tragikomödie. Das komödiantische liegt im Spiel der
Personen untereinander und mit sich selber, ihre Schicksale
jedoch haben mehr tragischen Charakter. Drei Personen und drei
verschiedere Geschichten, die sich nur an wenigen Punkten
berühren.
Drei erschütternde Lebensgeschichten, die allein schon mehr als
genug Probleme darstellen würden, und doch müssen die drei
Personen miteinander auskommen, leben und reden. Doch die
Kommunikation findet nur vordergründig statt. Dialektik, die
Rede und Ausdrucksmöglichkeit, das sinnvolle Gespräch bleibt in
den Kinderschuhen stecken. Es findet kein Austausch von
Informationen statt, die drei Personen kommunizieren nur verbal
miteinander. Der Zuschauer erlebt drei Geschichten und deren
Zusammenhang zwischen den Personen, ist aber hinterher genauso
schlau wie vorher, weil auch die Figuren keine Entwicklung
durchmachen.
Dialektik, die Methode durch Denken zu Erkenntnissen zu gelangen,
muß zwangsläufig scheitern an der Fixierung der Personen auf das
eigene Ich. Es findet meistens nur ein aneinander Vorbeireden
statt, wie sich besonders in der zweiten Szene, beim Frühstück
von Mutter und Sohn, zeigt. Während sie Toastbrotsuchend, gleich
einem Tier auf dem Boden robbt, ist Ingo anderweitig beschäftigt.
Konflikte zwischen den Personen finden nicht statt, jeder hat
mit seinen eigenen Problemen genug zu tun.
Ingo Brach, von einer chronischen Lethargie und einer
unangenehmen Allergie geplagt, ist fasziniert vom Tod und wird
seine Doktorarbeit nie zu Ende bringen. Markus Stöcklin gab in
seiner Interpretation der Figur eine chaotische Note. Dorothee
Meylan spielte die halbblinde Mutter, die ihre Lebenslüge über
den Tod ihres Mannes in Sibirien zur Realität gemacht hat und
die ihren Sohn über die Maßen bemuttert.
Verena Müller-Möck war die Haushälterin: und Freundin der
Familie Brach, Fanny Mohr. Die drei Personen belügen sich vor
allem selber und das Schlimme daran ist, sie merken es noch
nicht einmal.
Sie verwechseln Realität und Fiktion. Mutter Brach erfindet eine
Geschichte über das Verschwinden ihres Mannes. Sohn Ingo gibt
sich seinen Phantasien über den Tod der Mutter hin und
inszeniert eindrucksvoll eine Szene am offenen Sarg der Mutter
mit Kerze und Kuchenform auf dem Küchentisch. Was der Szene das
gewisse Extra gibt, ist ein ankommender Beileidsbrief.
Nonsens oder einfach eine Durchbrechung des Raum-Zeit-Kontinuums?
Den Zuschauern blieb es letztendlich selbst überlassen, im
Theaterstück eine Spur der Wirklichkeit zu erhaschen. Von Thomas
Strittmatter durften sie keine Hilfe erwarten. Das Publikum
zeigte sich aber beeindruckt, nicht nur von der großartigen
Leistung der Schauspieler der Burgberger Bühnenproduktionen,
sondern auch von den Schwierigkeiten und Anforderungen die das
Stück an den Zuschauer stellt.
Südkurier: März '98
Gaukler, Lügner, Falschspieler
Brach-Inszenierung erzählte von der Komik und Tragik der
Lebenslüge
Von Lebenslügen zehrt das Theaterstück "Brach" von Thomas
Strittmatter, das in der Stadthalle im Rahmen der
Gedenkausstellung "Der Tod ist eine Maschine aus Eis" aufgeführt
wurde. Von Thomas Strittmatter selbst als Komödie bezeichnet,
war die Inszenierung im Wesentlichen jedoch eher eine Tragödie
mit einigen komödiantischen Passagen.
"Brach", das ist zunächst der spätpubertierende,
melancholisch-lethargische Philosoph Ingo mit Pollenallergie,
der in seinem bücherübersäten muffigen Studentenzimmer an den
armen Poet erinnert, wenn er im Bett liegend über sich selbst
nachdenkt. Seine ominöse Doktorarbeit wird wohl nie fertig
werden, wie seine fast blinde Mutter befürchtet. Ihr zu 80
Prozent fehlendes Augenlicht ist ein Handicap, das sie zu nutzen
weiß, indem sie einfach übersieht, was ihr nicht gefällt. In
einer alten Truhe sammelt sie vermeintliche Feldpostbriefe ihres
Mannes, den sie in Sibirien verlor. Und dann ist da noch
Haushälterin Fanny, die um den "brachliegenden Sohn" buhlt wie
einst um den Vater.
Nach außen hin treten drei völlig unterschiedliche Charaktere
auf der Bühne auf, die aber doch eines verbindet: ihre
Lebenslügen. So gaukelt der Philosoph seiner Mutter vor zu
arbeiten, indem er das Klappern der Schreibmaschine vom Band
abspielen läßt. Die Mutter verschweigt ihrem Sohn, daß sich der
Vater in Wirklichkeit mit einer Jüngeren davonmachte, und die
Haushälterin sieht in dem ewigen Studenten eigentlich nur dessen
Vater, den sie früher für sich gewinnen wollte.
So spielen und schummeln sich die drei Figuren während des
90minütigen Stücks aneinander vorbei. Vom Zuschauer ist
Konzentration gefordert, denn der eigenartige, schwermütige
Humor von ,,Brach" ist in feinen Nuancen verpackt, derben Witz
gibt es nicht. Immerhin kommen sich Sohn und Haushälterin beim
Tango näher, ansonsten steigert sich die Hauptperson in den
Gedanken hinein, seine Mutter wäre beim Einkaufen vom Auto
überfahren worden, nur weil das die erwünschte Wende in seinem
Leben brächte.
Thomas Strittmatter läßt dein Publikum am Ende des Stückes Platz
für eigene Gedanken. Das Stück endet abrupt bei einem
Kartenspiel. Inszeniert wurde "Brach" von den Burgberger
Bühnenproduktionen mit Markus Stöcklin als Brach, Dorothee
Meylan als Mutter Brach und Verena MülIer-Möck als Fanny.
Minutenlang anhaltender Applaus am Ende derAufführung zollten
Thomas Strittmauer, der von Bürgermeister Wolfgang Schergel als
"großer Sohn unserer Stadt" bezeichnet wurde, Anerkennung für
seine Arbeit, aus der er allzufrüh herausgerissen wurde
„Der Brockhaus ist mir täglich von
Nutzen. Täglich erfinden sie neue
Wörter, neu für mich. Zu meinem
Erstaunen finde ich sie meistens doch.
Oft sind sie, eigentlich, falsch
angewandt ...“
Spätnachts, wenn die harten Fakten der
letzten 24 Stunden zur Genüge wie-
dergekäut sind und alle TV-Stimmungs-
kanonen sich betrunken klamaukt haben,
erscheinen in den dritten ARD-Program-
men meist rechtschaffen dreinblickende
Moderatoren auf dem Bildschirm und ver-
künden des Tages beschauliches Ende.
Dann ist es Zeit für die Dinge, die vom
Fernsehen nicht unbedingt erwartet wer-
den, Zeit für den ausgesuchten Rand-
gruppenfilm, für wirkliche Helden. Und
wenn nicht Jürgen Frohriep gegen die Ost-
Kriminalität in den Ring geschickt wird,
kann es gut sein, daß liebenswert-skurile
Gestalten in aller Stille beginnen, den Bild-
schirm zu bevölkern. Das Drehbuch ist von
Thomas Strittmatter.
Strittmatter, kein Name, den man in der
letzten Zeit aus den Feuilletons sich hätte
merken sollen. Er ist tot, seit dem Sommer
vor zwei Jahren; gestorben an irgendei-
nem Herzversagen. Zu jung und ohne
Aufsehen, als daß der Schreihals des Lite-
rarischen Quartetts auf ihn aufmerksam
geworden wäre. Strittmatters Talent war
die Unfähigkeit zu dem, was aufmerksam
werden läßt. Er konnte keine Bekenner-
schreiben verfassen. „Er war“, wie es der
Verleger, der junge Unseld, formuliert, „ei-
ner, der unbeeindruckt vom Zeitgeist auf
seine besonders archaische Weise Tod und
Welt zusammendachte.“
Der geborene Schwarzwälder, Absol-
vent der Kunstakademie Karlsruhe, hatte
Mitte der achtziger Jahre das Glück, an ei-
nen weitsichtigen Redakteur des Süd-
westfunks zu geraten. Der machte aus
dem Manuskript „Viehjud Levi“ ein vielbe-
achtetes Hörspiel. Das war ein Stück über
„braune Nazi-Gespenster, die sich in ein
düsteres Schwarzwald-Tal verirrten“. Nach
dem die Geschichte beim Berliner Theater-
treffen 1986 Erfolge feierte, wurde Stritt-
matter schnell mit dem jungen Kroetz und
dem jungen Brecht verglichen, später mit
Preisen bedacht. Doch er nahm seinen Hut
von den „Brettern“ und schrieb neben sei-
nem einzigen Roman „Raabe Baikal“ Dreh-
bücher für das Fernsehen.
„Seine Helden sind Verwandte einer ein-
zigen großen Familie. Ein jeder hat ein an-
deres Päckchen zu tragen. Sie sind Irrende
aus freien Stücken, Romantiker aus vol-
lem Herzen.“, urteilte die ZEIT in einem
Nachruf. Und: „Stets reden sie sanft anein-
ander vorbei. Finden dennoch auf geheim-
nisvolle Weise zueinander. Der Autor hat
sie mit seiner Liebe ausgestattet.“
Das gewitzte Bemühen Stritmatters klei-
ner Helden gegen die eigene Unzulänglichkeit
findet selten ein endgültiges Ende.
Des Autors Ironie gilt so nicht ihnen, son-
dern den folgenschweren Zufällen, die das
Leben der tragischen Helden erträglich
machen.
Deshalb gehören Thomas Strittmatters
Filme genau dahin, in die Randgruppen-
zeiten der späten dritten Programme. So
hintergründig über sich selbst lachen kön-
nen die wenigsten, und nur die Unausge-
schlafenen.
Außerdem rettet dann das auf den Film
folgende gottverlassene Testbild seine
Filmfiguren über die verbleibende Nacht.
Thomas Strittmatter: Milchmusik.
Frankfurter Verlagsanstalt, 1996. T. S.:
Raabe Baikal. Diogenes Verlag, 1990. T.
S.: Viehjud Levi. Diogenes Verlag, 1992.
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