Bella ciao! Erinnerung an Franca Rame.

May 30, 2016

 

Franca Rame wurde in eine Schauspielfamilie hineingeboren. Insofern, könnte mensch

meinen, hatte sie es nicht schwer. Aber leicht gemacht hat sie sich es auch nie. 1959 gründete sie gemeinsam mit ihrem Partner Dario Fo die «Compagnia Fo/Rame». Stücke wie «Offene Zweierbeziehung» oder «Die Vergewaltigung» machten Rame berühmt. Den Nobelpreis für Literatur bekam 1997 Dario Fo verliehen; aber derlei genügt wohl nicht, um eine italienische Feministin zum Staunen zu bringen. Im Mai ist Franca Rame verstorben. Ein Nachruf auf ein volles Leben.

Franca Rame war Autorin, Schauspielerin, politische Aktivistin; ihr Ehemann war der

Nobelpreisträger Dario Fo. «Ich habe immer nur unsere eigenen Stücke gespielt. Anders als viele meiner Kolleginnen wollte ich nicht Schauspielerin werden. Ich wäre lieber und mit größerer Begeisterung Ärztin oder Gewerkschafterin geworden. Das Theater interessiert mich nur, weil es mir ermöglichte, bestimmte Wahrheiten zu sagen oder anderen Menschen zu helfen.»

Ich denke an Franca Rame, Frau und Schauspielerin seit Anbeginn. Zwei Figuren in einer, die sich vor dem Publikum gegenseitig abwechseln und mit Würde und Kraft große Wahrheiten aussprechen, das Publikum zur Rührung und Empörung führen. Uns wird vieles von ihr fehlen: die Tiefe ihrer Überzeugungen, ihre Kampagnen für zivile Rechte, ihre herausfordernden Reden im Senat. Sie wird fehlen, sicher, aber wem?

Franca Rame irritierte durch ihre Taten und Worte und wurde dafür bestraft, als sie am 9.März 1973 von einer Bande entführt, gefoltert und vergewaltigt wurde. Ganze

fünfundzwanzig Jahre waren nötig, um die Namen der Täter zu ermitteln: eine Gruppe von Neofaschisten, wie man es aus den Akten einer Untersuchungskommission über den neofaschistischen Terror der Siebziger Jahren lesen kann.

Diese Erfahrung war der Anlass zum Stück «Die Vergewaltigung», das 1988 live im

Fernsehen lief und zwar in der Sendung «Fantastico», eine der damals meist gesehenen Shows des italienischen Fernsehens. Der Auftritt sorgte für manche Kontroversen.

1958 gründete Rame mit Dario Fo die Compagnia Rame-Fo und brachte jedes Jahr im Odeon – eines der berühmtesten Mailänder Theaterhäuser – ein neues Theaterstück auf die Bühne.

Das Publikum wuchs ständig, die Zeitungen schrieben darüber. Aber die echte Revolution geschah, als die beiden entschieden, das Theater in lebendige Räume zu bringen: Schulen, besetzte Fabriken, Volkshäuser – dorthin, wo die Menschen waren, die normalerweise nicht ins Theater gingen, aber Hauptpersonen ihrer Performances waren: ArbeiterInnen,

Hausfrauen, StudentInnen, Bauern. «Wir übernahmen die Tradition meines Vaters» –

berichtet sie in ihrer Autobiografie «Una vita all’improvvisa» (2009), – der ein berühmtes Marionettentheaterensemble aus dem 17. Jahrhundert leitete. Darauf gründete er ein Wandertheaterensemble. «Wir brachten unser Theater in kleine Dörfer und Städte, in die Peripherien und Vorstädten, in die besetzten Fabriken, in die Sporthallen. Wir standen auf der Seite der Gesellschaftsschicht, der wir angehörten, dem Proletariat.» Die Antwort der Leute war sehr stark, die Säle waren überall voll.

Was wurde gespielt? Der Alltag, das tägliche Leben der Menschen, ihre Schwierigkeiten. Oft blieben die jeweiligen Einnahmen den Fabriken überlassen. Auf diese Weise konnte mancher Arbeitsplatz gerettet werden.

Einundzwanzig Jahre lang hat sich Rame mit politischen Häftlingen beschäftigt, hat sich für zivile Rechte und für die Lage in den Strafanstalten eingesetzt. Insgesamt hat sie direkt mehr als 800 Menschen, Frauen und Männern, geholfen. «Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten in meiner Beziehung mit Häftlingen», erzählt sie, «ich bin in einer ehrlichen und arbeitswilligen Familie aufgewachsen, wo man mir anhand von Beispielen gezeigt hatte, dass man seinen Nächsten lieben und ihm helfen muss. Aber ein Dieb bleibt ein Dieb und ein Mörder ein Mörder. Ich ging so vor: Ich schrieb einen kurzen Brief, in dem ungefähr stand: Erkläre mir bitte, warum du im Gefängnis bist, welche Strafe Du bekommen hast, wie es deiner Familie geht, usw. Und die Antworten waren für mich oft erschütternd. Raubmord, Mord... ‹Wie kannst Du das erklären?› fragte ich...‹Meine Freundin war schwanger...wir sind aus dem Süden gekommen und hatten nichts, keine Wohnung, nichts, nicht mal einen Mantel und hier bei euch ist es sehr kalt.› ‹Wie viele Jahre sitzt Du schon?› ‹Siebzehn Jahre – insgesamt sind es fünfundzwanzig...›» Mit großen Schwierigkeiten bekommt sie die Erlaubnis, mit Häftlingen und Leitern der Strafanstalten sprechen zu können. Ihr gelingt es

sogar, die «Insel des Teufels», die Sicherheitsanstalt Asinara in Sardinien zu betreten. «Ich wählte für die Gelegenheit ein buntes, festliches Kleid, das die Farben des Lebens an diesen Ort bringen sollte, und nicht die des Todes, den diese Menschen Tag für Tag erleben mussten.»

2006 wurde Rame in den Senat gewählt, nach neunzehn Monaten trat sie aus politischen Gründen zurück. «Ich hab die Nutzlosigkeit des Parlaments erlebt: Sie schauen dich an, sie scheinen zuzuhören, aber in Wirklichkeit hören sie nichts».

2009 begann ihre Zusammenarbeit mit der unabhängigen Tageszeitung «Il fatto quotidiano». 

Sie führte einen Blog, auf dem sie LeserInnenbriefe und Appelle veröffentlicht und ihr

politisches Engagement fortsetzte. Eine echte Kämpferin.

Am 29. Mai 2013 ist Franca Rame fast 84-jährig verstorben. Zu ihrer Begräbnisfeier wurde das bekannteste italienische PartisanInnenlied «Bella Ciao» gesungen.

 

Monica Giovinazzi

 

NUMMER 348 24. 7. – 21. 8. 2013 von www.augustin.or.at

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