Wien/Endspiel - eine ungewöhnliche Neuinszenierung

July 6, 2016

 

 

 

 

Das bedeutendste Werk von Samuel Beckett - Endspiel - wird in noch nie dagewesener Art und Weise im Rahmen einer Ausstellung zum Leben erweckt - eine Ausstellung als Vorschau auf eine Theateraufführung, die Ende April stattfindet. Die ausgestellten Skulpturen werden in die Aufführung am 29. und 30. April eingebunden.

 

Geschaffen wurden die Objekte von Monica Giovinazzi, Regisseurin, Schauspielerin und Performancekünstlerin, die seit Jahren eine Bereicherung der Wiener Theaterlandschaft darstellt. Monica Giovinazzi verwendet einfache, nicht wertvolle Materialien - Draht, Gaze, alte Kleider. Ihre Skulpturen erinnern an gefundene Gegenstände, die zu Kunstwerken verwandelt wurden. Die Arbeiten von Monica Giovinazzi wirken wie ein Nebeneinander der Kraft  dadaistischer Anti-Kunst und von abstraktem Expressionismus. Das Ergebnis dieser bildhauerischen Installationen für ihre Aufführung von Endspiel ist ein Happening, das von der aktiven Teilnahme des Publikums lebt und dadurch einen Prozess der Transformation durchmacht. 

"Es ist eine Ausstellung über Beckett, die alles andere als formal ist. Dabei fließen Anregungen meiner jahrelangen Arbeit ein und Elemente aus der praktischen Umsetzung der Texte des irländischen Dramatikers", erklärt mir Monica Giovinazzi, die Ende April das Stück Endgame - zu Deutsch Endspiel - in Wien aufführen wird. Im September ist die Performance dann in London zu Gast. “Ich bringe zwei der Charaktere wie Marionetten auf die Bühne. Und hier sind einige der von mir erarbeiteten Prototypen ausgestellt", so die Erklärung der Künstlerin.

Die Materialien für all ihre Objekte sind immer die gleichen: “Drähte, Metallbügel - inspiriert von Tadeusz Kantor. Klarerweise dominieren für Beckett die Farben Schwarz und Weiß. Denn hier geht es um das Finale einer Schachpartie", so die Künstlerin. "Auf dem Tisch finden sich unterschiedliche Arrangements, die ich im Laufe der Jahre kreiert habe und die nach und nach verändert werden. Denn wenn ich eine Ausstellung mache, dann mag ich es, wenn es auch einen interaktiven Teil gibt."

 

Die Modelle der verschiedenen Bühnenbilder können verändert werden und durch die Intervention des Publikums verwandelt werden. Dabei lässt sich das ursprüngliche Modell durchaus auch komplett umkrempeln. Die Modelle sind hier, um zu Leben erweckt zu werden und um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, zu agieren und Spuren zu hinterlassen. Es sind Objekte, die sich zu tragenden Elementen in einem nie dagewesenen Spiel aller Beteiligten entwickeln. Und in diesem Spiel ist Raum - auch Raum für Zerstörung. Nichts darf übrigbleiben, denn die Devise von Monica Giovinazzi lautet: Alles wiederverwerten, recyclen - immer und überall.

 

Ihre Bühnenbilder werden jedes Mal zu neuem Leben erweckt und verleihen den Materialien eine neue Gestalt, die zugleich immer auch ein wenig dieselbe ist. Im Spiel der Akteure wird jede neue gestaltete Bühneninstallation in einem Foto festgehalten, damit in irgendeiner Form eine Spur der Verwandlung bleibt. Aber es sind flüchtige, veränderbare Spuren, denn schon erfolgt eine neue Aktion, wodurch alles neuerlich komplett über den Haufen geworfen wird.

 

“Das ist der Garten von Clov - vollständig verlassen, der Garten, in dem er die Trümmer aufsammelt, denn für mich bleiben die Personen bei Beckett die Hüter der Ewigkeit, die jedoch immer  entblößt sind", erklärt Monica. Die Theateraufführung findet Ende April im Ausstellungsraum Rotehaare statt, einem Kulturraum im belebten siebenten Wiener Gemeindebezirk. Aufgeführt wird das Stück nicht in einem richtigen Theater, denn die Künstlerin liebt es, in unkonventionellen Räumen zu spielen, in denen ein näherer Kontakt zum Publikum möglich ist. Das Publikum wird bei dieser Aufführung sicher einbezogen, denn der künstlerische Ansatz von Monica Giovinazzi ist die Performance. Mit auf der "Bühne" - Maria Toffano. Auch Maria Toffano kommt ursprünglich aus Italien, lebt jedoch schon seit vielen Jahren in Wien.

 

Die Skulptur, an der Monicas ganzes Herz hängt, ist der Prototyp, der Clov darstellen soll, den Sklaven, den Diener, der sich nicht hinzusetzen vermag - der letzte verbliebene Bauer. "Meine Lieblingsfigur ist dieser Clov hier, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Beckett aufweist, und deshalb richtig modelliert und zerfurcht erscheint", meint Monica, und man spürt die Emotion in ihren Worten. "Ich habe hier Gaze verwendet, denn dieses Material erinnert an eine Art Vorstufe der Mumifizierung, doch ist eine gewisse Ironie zu spüren, so wie auch in den Texten von Beckett, die immer ironisch sind - unterhaltsam, rhythmisch, ernst, wahnsinnig ernst, aber nicht traurig."

Es ist die Leichtigkeit, jene Leichtigkeit, die für die Künstlerin eine Grundessenz von Becketts Werken darstellt, und auch das Motto für ihre Arbeit ist. Diese Leichtigkeit, diese Lockerheit in Kombination mit Beweglichkeit. In der Tat können einige der Objekte verschoben und bewegt werden. Und Monica Giovinazzi macht es uns gleich vor.

Nur wenig Stücke bleiben in diesem Endspiel auf dem Schachbrett. In Wien gibt es kein Meer. Auch vor dem Haus von Hamm und Clov blieb für den Dramaturgen aus Irland nichts -weder Meer, noch Sonne, noch Wolken. Die beiden Protagonistinnen nehmen jeweils beim anderen Anleihe; sie beziehen ihren Lebensinhalt aus ihren Gesprächen und ihren Auseinandersetzungen. Werden sie verstehen, dass auf dem Schachbrett nur noch wenige Figuren verblieben sind, und dass sich die Partie dem Ende zuneigt?  

 

 

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